Buchtipp: Trau dich paulina

von | Mai 2, 2022 | Queeres Wissen & LGBTIQ+

Manchmal, da passt es einfach! Wie beim CSD in Landshut 2021, als eine tolle Frau den Weg zu unserem Stand gefunden hat. Im Gespräch stellte sich raus: Sie heißt Jess und hat sich als Autorin auf LGBTIQ*-Themen spezialisiert. Der Rest ist Geschichte, wie es immer heißt.

Denn Jess‘ neustes Buch spielt – wie könnte es besser passen – in der Hochzeitswelt. Wir durften ihr unsere Sicht auf die Hochzeitsbranche zeigen und sie bei der Recherche in der Welt der queeren Hochzeiten ein Stück begleiten.

Umso mehr freuen wir uns, euch einen kleinen Einblick in ihr neustes Werk Trau dich, Paulina geben zu dürfen.

Über Trau dich Paulina

Paulina Seidenreich ist lesbisch und zunehmend genervt von den Traditionen des familieneigenen Brautmodengeschäfts. Wieso geht man davon aus, dass es sich bei ihrer Kundschaft immer nur um heterosexuelle Paare handelt? Weshalb wird die Nase gerümpft, wenn sich ein Mann ein Kleid wünscht und wieso spricht man immer nur von Bräuten? Wo bleiben die Männer und andere geschlechtliche Identitäten?

Eine Änderung muss her, doch ihre Eltern sind beim Thema LGBTQ* der absolute Endgegner. Mit Sophie kommt nicht nur eine Befürworterin ihrer Vision in ihr Leben, sondern auch jemand, in den sich Paulina Hals über Kopf verliebt.

Als wäre das alles noch nicht genug, muss sie herausfinden, dass in ihrer Familie noch weitaus mehr Dinge ungesagt geblieben sind.

Über die Autorin

Portrait der queerfeministischen Autorin Jess Schönrock

Jess Schönrock schreibt queerfeministische Liebesromane, die sowohl gesellschaftskritisch sind als auch direkt ins Herz gehen. Wertschätzender Umgang mit queeren Lebensrealitäten ist eine ihrer Herzensangelegenheiten.

Zusammen mit ihrer Frau lebt sie in Bayern und arbeitet, genauso wie ihre Protagonistin Paulina, daran, in der Welt etwas zu bewegen. Sie glaubt fest daran, dass Wissen ein respektvolleres Miteinander schaffen kann – deswegen beantwortet sie auch außerhalb ihrer Bücher die Fragen von Lesenden, die noch nicht alle Antworten gefunden haben.

Und jetzt wünschen wir euch viel Spaß mit Trau dich Paulina

Buch-Cover von Trau dich Paulina
Coverdesign: Constanze Kramer, https://coverboutique.de

Es ist kaum zu glauben, dass ich es endlich geschafft habe, allein den Bankettsaal zu verlassen. Die letzten Versuche sind stets gescheitert, weil Olaf, mein Begleiter, wohl befürchtet hat, dass ich den Weg zu ihm zurück nicht mehr finden würde. Und wie recht er damit gehabt hat. Noch nie hat eine Person so oft meinen Namen erwähnt, um mich daran zu erinnern, dass ich Teil eines egozentrischen, männlichen Monologs bin, der mich wohl beeindrucken sollte.

Paulina, habe ich dir erzählt, dass ich einen BMW fahre?

Paulina, wusstest du das ich einen Abschluss in BWL habe?

Paulina, weiß du, wie viel dieser Anzug gekostet hat?

Wenn mich in nächster Zeit noch irgendjemand mit meinem Namen anspricht, muss ich leider laut aufschreien.

In meinem Leben habe ich schon so mancher Frau während unseres Date einen Korb gegeben. Dass ich dieses Register bei Olaf nicht gezogen habe, hat mehrere Gründe: Erstens befinden wir uns auf der Hochzeit meiner Freunde Sunyata und Malte. Zweitens ist dies kein Date, sondern eine arrangierte Verabredung und drittens ist er der Sohn der besten Freundin meiner Mutter. Die Beziehung zwischen Mama und mir steht ohnehin unter einem schlechten Stern, so dass ich dankend darauf verzichte, morgen mit ihr darüber zu diskutieren, wie ich diesen arroganten Prachtburschen nur ablehnen konnte.
Dankenswerterweise hat ihn meine stillschweigende und professionell lächelnde Anwesenheit zunehmend gelangweilt, weswegen er sich anderweitig umzusehen hat. Als er dann, unter dem Vorwand, sich etwas zu trinken zu holen, weggegangen ist, habe ich meine Highheels ausgezogen und bin zur Tür gelaufen.
Mit einem erleichterten Seufzen sehe ich mich im Korridor um. Die Musik aus dem Festsaal ist hier draußen nur noch leise zu hören und mischt sich mit dem sanften Gedudel aus der Hotellobby.

Als ich meinen Freunden bei der Hochzeitsvorbereitung zur Hand gegangen bin, haben wir uns auch die Bar angesehen. Genau dorthin werde ich mich zurückziehen, bevor ich mir ein Taxi bestelle. Ein wenig bereue ich, dass ich niemanden in meinen Fluchtplan eingeweiht habe – sonst hätte ich jemanden, bei dem ich mich über Olaf auslassen kann. Doch die einzigen Personen, die mir nahe genug stehen, um das Ausmaß dieser Verabredung zu begreifen, haben heute ihren großen Tag. Und Sophie, Maltes Schwester, habe ich aus den Augen verloren, nachdem sie uns den ganzen Tag mit der Kamera in der Hand für Fotos arrangiert hat. Außerdem haben wir uns eine lange Zeit nicht gesehen, seit sie mit siebzehn von zuhause ausgezogen war.
Der kühle Marmorboden unter meinen beanspruchten Sohlen fühlt sich angenehm an. Dem Rezeptionisten werfe ich ein freundliches Lächeln zu und noch bevor er mich darauf hinweisen kann, dass ich nicht barfuß durch die Lobby laufen soll, schließt sich die Tür zur Bar hinter mir.

Einige der anwesenden Personen habe ich bereits auf der Hochzeitsfeier von Sunyata und Malte gesehen – allerdings erkenne ich niemanden, zu dem ich mich setzen möchte.
Im Inneren herrscht eine schummrige Atmosphäre. Die Lichter sind gedimmt und in der Mitte des Raumes flackert ein Kaminfeuer hinter Glas. Die sanften Klavierklänge im Hintergrund wirken beruhigend und als ich mich auf einen Barhocker fallen lasse, erlaube ich es mir, endlich zu entspannen.

Noch bevor der Barkeeper nach meinem Wunsch fragen kann, bestelle ich einen Strawberry Colada. Möglichst unauffällig massiere ich meine geschundenen Füße. Für gewöhnlich trage ich flache Schuhe, aber Mama hat darauf bestanden, dass ich zu dem grünen Cocktailkleid Highheels anziehe. Da ich immer in die Verlegenheit komme, es ihr recht machen zu wollen, habe ich sie angezogen. In den fünfundzwanzig Jahren meines Lebens fehlt mir noch die Erfahrung, dass es absolut legitim ist, nein zu meiner Mutter zu sagen.
Hinter dem Glasregal an der Bar befindet sich ein Spiegel – er ist zu weit weg, um Details zu erkenne, doch das ist nicht nötig, ich weiß, dass es ein langer Tag war. Als Trauzeugin meiner besten Freundin bin ich bereits seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen – die Frisur hat dabei ihren Sitz nicht eingebüßt.

Eigentlich wollte ich meine Haare heute offen tragen, doch Sunyatas Stylistin war der festen Überzeugung, dass meine hübschen haselnussbraunen Haare in einer Salsa-Hochsteckfrisur besser aussehen würden.
Als mir das Getränk vorgesetzt wird, sehe ich kurz auf, um mich zu bedanken. „Ich habe mich schon gefragt, wann deine Füße protestieren.“ Obwohl mein Name nicht erwähnt wird, fühle ich mich angesprochen.

Sophie stellt ihre Fotokamera auf dem Tresen ab und setzt sich anschließend auf den Hocker neben mich. Den ganzen Tag habe ich mich dabei erwischt, wie ich sie beobachte, und auch jetzt fällt es mir schwer, sie nicht anzustarren. „Endlich Feierabend?“ Ein Lächeln ziert ihre rosa geschminkten Lippen. „Es gibt genug Fotos für mindestens zwanzig Erinnerungsalben – daher wollte ich mich endlich mit dir unterhalten und sah, wie du den Raum verlässt.“ Sie zwinkert mir zu. „Das Kleid steht dir fabelhaft.“

„Danke.“ Ihre Worte gehen runter wie Butter. Ich nippe am Cocktail, kann aber nicht aufhören zu grinsen. „Meine Mutter würde das anders sehen, sie sagt, ich sehe aus wie eine Presswurst.“
„Birgit hat sich nicht verändert, oder?“ Ungläubig schüttelt Sophie den Kopf und verdreht die Augen. „Ich hoffe, dass du ihr das nicht glaubst.“

Über die Antwort muss ich nicht nachdenken. „Für den Rest der Welt habe ich normale weibliche Körperformen. Nur für Mama nicht, das ist eines unserer leidigen Streitthemen – aber lass uns über schönere Dinge reden: Du bist also tatsächlich Fotografin geworden!“
Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass wir uns gesehen haben. Und obwohl sie bereits vor der Zeremonie zu uns gestoßen ist, um die ersten Fotos zu schießen, hatten wir keine Gelegenheit für eine Unterhaltung gehabt. Als Maltes Schwester ist sie sprichwörtlich mit uns aufgewachsen, doch mit ihrem Auszug ist der Kontakt abgebrochen.

„Da müssen Malte und Sunyata erst heiraten, damit wir uns wiedersehen.“ Ich greife nach meinem Strawberry Colada und nippe daran. Sophie nickt eifrig. „Das stimmt. Die beiden haben manchmal von dir erzählt, aber irgendwie war immer etwas anderes wichtiger, als dass ich nach deiner Handynummer gefragt hätte.“

Ihr entschuldigender Blick lässt mich sofort abwinken. Es lag nicht nur an ihr: Ich hätte den Kontakt auch jederzeit suchen können. „So ist das Leben manchmal. Umso schöner ist es, dich wiederzusehen.“ Vielleicht liegt es am Alkohol, der wie ein warmer Fluss durch meine Adern rauscht, aber ich kann ein breites Grinsen einfach nicht unterdrücken. Ich greife kurz nach ihrer Hand und drücke vorsichtig. Sophie zieht sie nicht weg. „Wie lange ist das nun her?“ Nachdenklich tippt sie mit dem Zeigefinger gegen ihr Kinn.

„Zehn Jahre – ich war vierzehn, als du gegangen bist, und du siebzehn. Du siehst übrigens fabelhaft aus“, platzt es aus mir heraus. Ihre Reaktion wird mir vorenthalten, weil der Barkeeper genau in diesem Augenblick zu uns kommt.

Während Sophie ihre Bestellung aufgibt, nutze ich die Zeit, um sie zu mustern. Mit ihrem siebzehnjährigen Ich hat Maltes Schwester kaum mehr etwas gemeinsam. Sie trägt einen kinnlangen Longbob und obwohl sie schon immer dunkle Haare hatte, scheint sie nachgeholfen zu haben. Die Farbe erinnert mich an das Gefieder eines Kohlraben – definitiv gefärbt, steht ihr aber unheimlich gut. Sophies herzförmiges Gesicht und die großen, nachtblauen Augen geben ihr einen freundlichen und liebenswerten Ausdruck. Ihren fliederfarbenen Hosenanzug habe ich bereits den ganzen Tag begutachtet und als schön befunden.

Obwohl sie immer betont hat, dass sie zu cool für uns Jungspunde ist, hat sie Zeit mit meiner Clique und mir verbracht. Heute sind drei Jahre Altersunterschied nichts, damals war sie unsere Heldin, denn sie durfte Filme aus der Videothek ausleihen, die wir noch nicht schauen sollten! Malte, Sunyata, sie und ich kennen uns seit einer langen Zeit.

Damals habe ich zu Sophie aufgeschaut und mir gewünscht, dass sie mehr mit uns unternehmen würde. Aber rückblickend hätte ich wohl auch darauf verzichtet, mit einer Truppe pubertierender Teenager rumzuhängen. Als sie von zuhause auszog, war ich gerade einmal vierzehn. Und heute, am Hochzeitstag von Malte und Sunyata, führen uns die Wege wieder zusammen.
„Wo hast du denn deinen Freund gelassen?“ Als sich Sophie mir erneut zuwendet, stützt sie ihren Kopf lässig gegen die Hand. Sie hebt auffordernd die Augenbrauen.

Bei dieser provokativen Frage verschlucke ich mich beinahe am Cocktail. „Das ist nicht mein Freund. Er ist die schlimmste Entscheidung meines Lebens!“
„So furchtbar gleich?“ Obwohl sie es nicht ausspricht, kann ich ihre Neugier förmlich riechen.
Ehrlich gesagt bin ich froh, es endlich jemandem erzählen zu können, denn Sunyata wollte ich auf ihrer eigenen Hochzeit mit meinen Problemen kein Ohr abkauen. „Das ist der Sohn von Mamas bester Freundin. Sie hat mich gebeten, ihn mitzunehmen, weil sie es unschicklich fand, dass ich allein gehe.“

„Gott sei Dank“, erwidert Sophie. Da ich sie unschlüssig ansehe, fügt sie hinzu: „Ich dachte, ich muss dir nun erzählen, dass dein Märchenprinz mit einer anderen Frau in den Fahrstuhl gestiegen ist.“
Ich schüttele den Kopf und seufze. „Und wenn er mit drei Frauen verschwunden wäre, könnte mir das nicht egaler sein. Das einzige Problem ist, dass er mich heute Morgen abgeholt hat und ich nun ein Taxi rufen muss, um nach Hause zu kommen.“
„Das bekommen wir schon hin. Ich bin mit dem Auto da. Danke.“ Das letzte Wort ist an den Barkeeper gerichtet, der ihr ein Glas Wasser vorstellt. Als sie meinen fragenden Blick sieht, fügt sie hinzu: „Ich trinke generell nicht.“

„Ich trinke nur ganz selten.“ Die Worte klingen wie eine Rechtfertigung und ein Teil von mir fühlt sich in diesem Moment wie das vierzehnjährige Mädchen, das Sophie Langacker gefallen wollte.
„Du hast dich nicht verändert“, erwidert sie. „Entspann dich. Selbst wenn du einen über den Durst trinkst und auf der Theke tanzt, würde ich dich nicht verurteilen. Immerhin ist heute ein freudiges Ereignis.“
„Ja.“ Ich lege die Handflächen aneinander und lehne die gestreckten Finger gegen mein Kinn, als ich zu schwärmen beginne: „Sunyata und Malte sahen wie ein Traumpaar aus. Ich bin auf deine Bilder gespannt!“
„Ich denke, dass ich ein paar sehr hübsche gemacht habe. Möchtest du sie sehen?“ Sophie wartet nicht auf meine Antwort. Sie hat ihre Kamera bereits in der Hand und hält sie mir hin.

Leider kann man auf dem kleinen Display nicht alle Details erkennen, doch ich kann mich sehr lebhaft an die Trauung erinnern. Durch die perfekte Symbiose von Maltes europäischer und Sunyatas indischer Herkunft besitzt ihre Hochzeit einen ganz individuellen Stil und Charme.
„In jedem Detail erkenne ich die beiden und auch ihre Liebe zueinander. Sunyata hat sich monatelang den Kopf zerbrochen, damit alles so ist, wie sie es wollten.“

„Ich finde, das hat man gesehen und gespürt. Ich bin öfter als Fotografin auf Hochzeiten und frage mich immer, ob wirklich jede dritte Frau von der typischen Hollywood-Hochzeit träumt. Ich meine, die Entscheidung ist jeder Person selbst überlassen, aber es fühlt sich so an, als sei im Konzept des schönsten Tages im Leben der Braut nur selten Platz für Selbstverwirklichung.“
Bevor ich antworten kann, entgleitet uns ein Seufzen, als wir das Bild vom Hochzeitskuss sehen.

„Dieser Wunsch vom perfekten Tag im Leben einer Frau wird uns doch anerzogen. Der Partner ist eher das Beiwerk. Außerdem glaube ich, dass wir heutzutage stark geinfluenced werden, wie eine Traumhochzeit auszusehen hat. Und es ist nahezu ein Wettbewerb, möglichst nahe an diese Perfektion ranzukommen. Damit hatte Sunyata auch zu kämpfen, weil sie unsicher war, ob sie alte Traditionen zu sehr sprengt, ihren familiären Hintergrund genug geehrt und bedacht hat. Irgendwann habe ich ihr geraten, Social Media auszulassen.“ Ich genehmige mir einen großen Schluck aus meinem Glas und spüre, wie sich der Alkohol im Körper verteilt.

„Diese Hochzeitsendungen im Fernsehen schaust du nicht gern an, oder?“ Erneut grinst Sophie schief – vielleicht hat sie auch gar nicht damit aufgehört.

„Das halte ich nur an mental starken Tagen aus.“ Beim Versuch, mir durch die Haare zu streichen, erinnere ich mich erst an die Hochsteckfrisur, als meine Finger nicht mehr weiterkommen. Mit einem leisen Seufzen lasse ich die Hände wieder in den Schoß fallen. „Diese Sendungen sind Wettbewerbe um das schönste Kleid, das beste Essen, die beste Unterhaltung. Du schaltest so etwas an und hebst bereits skeptisch die Augenbrauen, wenn das Budget einer Braut zu niedrig ist.“
Sophie klimpert mit den Eiswürfeln in ihrem Glas „Und du möchtest den Brautladen deiner Eltern noch immer übernehmen?“

Ihr Amüsement nehme ich nicht persönlich, sondern fühle mich dazu aufgefordert weiterzusprechen. „Ich liebe meinen Job! Allerding würde ich mir wünschen, dass die konservativen Werthaltungen der Branche aufbrechen und wir mit der Zeit gehen würden.“
„Lebt ihr nicht davon, dass sich Frauen ein weißes Prinzessinnenkleid wünschen?“

„Aber es gibt doch mehr als Prinzessinnen und den schönsten Tag im Leben. Die strikte Vorstellung in den Köpfen der Menschen empfinde ich als toxisch: Die Frau im Kleid, so nah wie möglich am gesellschaftlichen Standard von Schönheit, der Mann an ihrer Seite. Versteh mich richtig, ich liebe Hochzeiten. Die Emotionen, die Freude und das Glück, an dem man teilhaben darf. Wenn du jedoch aus diesem generischen, perfekten Bild herausfällst, sei es, weil du kein weißes Kleid trägst, mehr wiegst oder kein zweistündiges Partyprogramm planst, begleiten dich sofort Bedenken, dass Freunde und Familie enttäuscht sein könnten.“ Bei vielen Erzählungen unserer Kundschaft habe ich das Gefühl, dass sie selbst am wenigsten Spaß an ihrer Hochzeit haben werden.

„Und jetzt stell dir vor, du fällst aus der Heteronormativität, identifizierst dich als Queer.“ Mich macht diese Vorstellung traurig. Jedes Paar, das heiraten möchte, kann sich über Tischdeko den Kopf zerbrechen, aber nicht darüber, ob die gewünschte Hochzeit irgendwelchen Normen entspricht.
Einen kurzen Moment sieht Sophie mich nachdenklich an, dann nickt sie zustimmend. „Es gibt noch genug Dienstleistende, die nicht viel mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt anfangen können …“

„Viele dienstleistende Unternehmen werben mit Offenheit und Diversität, sind aber noch nicht soweit, damit umzugehen. Zugegeben, da ist viel Unwissenheit dabei, allerdings empfinde ich es dennoch als schwer zu verzeihen, wenn man mit Menschen arbeitet und sich darauf ausruht, dass doch alles schon immer so gewesen ist. Liebe kennt kein Geschlecht und dessen sollte sich die Hochzeitsbranche auch endlich bewusst werden.“ Dieses Gespräch geht mir sehr nahe. Es ist ein Herzensthema und ich hoffe, die Welt mit meinem Bemühen etwas besser zu machen. „Ganz sicher sind nicht alle Dienstleistenden so eingestellt, aber ich wünsche mir mehr Offenheit und Toleranz für die Liebe, ganz gleich wer heiratet. Wir sollten die Liebe feiern und das Wort Homo-Ehe nicht so betonen, als wollten wir diese abwerten. Außerdem ist es die falsche Bezeichnung, denn es gibt mehr als heterosexuelle und homosexuelle Paare.“

„Ich hasse das Wort“, pflichtet Sophie mir bei. „Immerhin heißt es ja auch nicht Homo-Einkaufen oder Homo-Arbeiten. Zu Beginn dachte ich mir, es sei passend, aber das ist es gar nicht – es schafft eine Abgrenzung, wo keine sein sollte. Die Ehe für alle ist zutreffender, aber schafft auch Unterschiede.“

„Ja!“ Ich deute auf Sophie und nicke zustimmend. Mein Kopf schwirrt, denn der Cocktail ist nicht der erste an diesem Abend. „Es sollte egal sein, welches Geschlecht die Menschen haben, die heiraten. Was wir benötigen ist Inklusion statt Ausgrenzung. Stell dir vor, du machst so viele schlechte Erfahrungen, dass du dich beim ersten Kontakt mit dem dienstleistenden Unternehmen erkundigst, ob sie mit queeren Menschen zusammenarbeiten. Und wenn das geklärt ist, lautet die nächste Frage an die Frau: Wie heißt denn der Bräutigam? Und andersrum genauso.“ Am liebsten würde ich mir die Haare raufen. Dennoch freut es mich, dass dieses Gespräch so viel erfüllender ist als die oberflächlichen Kommentare meiner Begleitung Olaf.

„Ich stelle nun eine Vermutung auf: Deine Eltern können dem Konzept nicht sehr viel abgewinnen.“ Die Worte wirken nicht anklagend, sondern spiegeln Erkenntnis wieder, die ich nickend bestätige.

„So was hat’s früher nicht gegeben“, erwidere ich mich verstellter Stimme. Wir müssen beide lachen. „Meine Eltern würden eine Frau, die mit ihrer gleichgeschlechtlichen Partnerin in den Laden kommt, nicht abweisen. Allerdings kann ich mir vorstellen, was sie darüber denken würden, und das tut mir weh. Paradoxerweise kann ich es nachvollziehen. Wenn es etwas für Menschen bisher nicht gegeben hat, sind sie damit überfordert. Und genau da müsste man ansetzen! Damit Unwissenheit nicht zu Abneigung führt, muss man die Menschen abholen und ihnen zeigen, wie es geht. Leider sind meine Eltern an dem Punkt wirklich stur und mir fehlt die Kraft, die Diskussionen aus meiner Pubertät fortzusetzen.“ Diese Worte liegen mir bereits viel zu lange auf der Zunge und endlich kann ich sie aussprechen!

Meine Gesprächspartnerin, die seit ihrer Ankunft nur Impulsfragen gestellt hat, versucht ihr Grinsen hinter der Hand zu verbergen – natürlich sehe ich es trotzdem. „Da steckt eine Menge unterschwelliger Frust in dir …“ Sophie gibt dem Barkeeper ein Zeichen, dass sie noch eine Runde bestellen möchte.

„Bestellst du wieder ein Wasser?“, erkundige ich mich missmutig. Man trinkt nicht allein, wurde mir immer gesagt – dennoch kippe ich den letzten Schluck förmlich hinunter.

Sie zuckt mit den Schultern. „Irgendwer muss dich ja noch nach Hause bringen, oder möchtest du lieber mit …“, fragend sieht sie mich an.

„Olaf.“

„… Olaf nach Hause fahren oder ein Zimmer mit ihm buchen?“ Sophie wackelt mit den Augenbrauen und sorgt dafür, dass wir beide weiter lachen müssen, auch wenn es mich innerlich schaudert. Mit Männern kann ich romantisch und sexuell gar nichts anfangen. Die einzige Ausnahme sind attraktive Schauspieler in Fernsehfilmen oder Serien, wobei ich meistens doch eher für die Hauptdarstellerin schwärme.

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Jess Schönrock

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